Bremer Firma macht UPS zukunftsreif

Rytle baut Lastenräder für Paketlieferanten

Das Weltunternehmen UPS vertraut beim Ausliefern der Pakete auf eine kleine Firma im Bremer Stadtteil Schwachhausen. Die hat dem Paketdienstleister ein batteriebetriebenes Lastenrad gebaut.

Arne Kruse ist Geschäftsführer von Rytle und zeigt am Monitor sein elektrisches Lastenrad, das den LKW-Lieferverkehr in den Innenstädten wesentlich reduzieren soll. Der Paketdienstleister UPS hat von dem Gefährt schon vier Exemplare im Einsatz. (Christina Kuhaupt)

Es ist einige Jahrzehnte her – die Älteren werden sich erinnern –, da fuhr ein kleiner Junge auf seinem Fahrrad durch die Straßen von Bookholzberg in Ganderkesee. Auf dem Gesicht hatte er ein breites Grinsen, und im Anhänger allerlei Gerätschaften: Dampfreiniger, Heckenschere, Besen und Kehrblech, all solche Dinge. Er fuhr von Tür zu Tür und bot an, in Haus und Garten anzupacken, und wenn jemand gerade Hilfe brauchte, dann krempelte er seine Ärmel hoch und fing sogleich an. Die Leute waren froh, dass sie jemanden hatten, der ihnen die Arbeit abnahm. Und der Junge war froh über das Geld, das sie ihm dafür zusteckten. Eine Win-Win-Situation.

Der Junge investierte sein Taschengeld in Modellfahrzeuge, versuchte sie mittels elektrischen Antriebs aus der Ferne zu steuern und fand an dieser ganzen technischen Tüftelei so viel Freude, dass er später ein Ingenieursstudium aufnahm. Er war am Fraunhofer-Institut im Rahmen seiner Promotion tätig, setzte sich viel mit Innovation auseinander und arbeitete mit seinem Unternehmen schließlich in 25 Ländern außerhalb von Europa, um beispielsweise für VW und Porsche Produkte zu optimieren. So führte eines zum anderen, doch inzwischen kam er wieder dort an, wo er mit dem Geldverdienen einst startete: beim Drahtesel. Der Unterschied ist aber jetzt, dass er die Fahrräder nicht mehr nur fährt, sondern selbst baut. Damit will er die Logistik für die letzten Meile revolutionieren.

Fahrrad soll Kleintransporter aus dem Stadtbild verbannen

Der Junge aus Bookholzberg heißt Arne Kruse, ist Diplom-Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler und sitzt jetzt, mit 46 Jahren, im „Haus der Innovation“ am Schwachhauser Ring. Wer es betritt, fühlt sich weit zurückversetzt in die Vergangenheit. ­Manche Möbel stehen hier bereits seit 1911. Wer sich aber mit Kruse unterhält, hört viel über die Zukunft. Oder viel mehr Kruses Vision für die Zukunft. Denn für die hat er mit seinem Team von Rytle etwas entwickelt, das er „Movr“ nennt. Es ist ein Fahrrad, das optisch an ein klassisches Lastenrad erinnert, aber elektrisch betrieben kleine Container transportieren kann. Schon bald soll es einen Kleintransporter, wie er etwa von Paketdiensten genutzt wird, ­weitestgehend aus dem Stadtbild verbannen.

Rytle ist ein Joint-Venture des Trailer- und Wechselbrücken-Herstellers Krone und von Kruses Unternehmensberatung Orbitak. Zu der Zusammenarbeit kam es eher zufällig: Als im Haus eine Veranstaltung stattfand, musste Kruse den Prototypen des „Movr“ aus dem Konferenzraum durch den Eingangsbereich nach draußen bringen. Mit schmutzigen Händen schob er es an den Gästen vorbei, unter denen sich unter anderem auch Bernard Krone und Ingo Lübs von der Firma Krone befanden. Diese sahen das Gefährt und sprachen Kruse sofort an. Wenig später trafen sie sich und vereinbarten die Kooperation – per Handschlag. Das war im Dezember 2016. Was seitdem passiert ist, nennt Kruse einen „brutalen Ritt“. Er lächelt dabei, denn genau das liebt er.

Wenn Kruse sich selbst beschreiben müsste, würde er sich den sogenannten „Sensation-Seekern“ zuordnen („seek“ als englisches Wort für „suchen): Damit sind Menschen gemeint, die so veranlagt sind, dass sie immer nach dem nächsten großen Ding suchen und nie stillstehen wollen. Er arbeite vor Rytle für namhafte Auftrage, aber eben so, dass Kruse selbst im Hintergrund blieb. Welche Auftraggeber? Kruse sagt nur so viel: „Da konnte man abends in der Tagesschau sehen, woran man die lezten Monate mitgewirkt hat.“

25 Stundenkilometer, 48-Stunden-Akku 

Aber seit dem vergangenen Dezember ist Kruses großes Ding eben Rytle. Seitdem ist für den 46-Jährigen auch verdammt viel los. „Im ersten halben Jahr haben wir mit dem Paketdienstleister UPS zusammen den Prototypen weiterentwickelt“, sagt Kruse. 70 Leute arbeiteten in Spitzenzeiten quasi rund um die Uhr an dem Projekt. Warum die Eile? „Wir wollten die ersten sein“, erklärt der 46-Jährige. Dabei galt: „Roughly made is much better than perfectly told.“ Frei übersetzt heißt das: Nicht lang schnacken, sondern machen.

Rytle will die letzte Meile grün machen – so steht es im Werbeprospekt. Das elektrische Lastenrad soll als umweltfreundlichere Alternative überall dort zum Einsatz kommen, wo Transporter ihre Mühe haben. Das wäre etwa in Innenstadtbereichen und Wohnvierteln mit engen Straßen. Die Akkus halten zwei Tage lang und können dank Steckmechanismus einfach ausgetauscht werden. Ansonsten ist das Rad 25 Stundenkilometer schnell und hat eine Gasgriff-Anfahrhilfe. Selbst ein Modell mit induktiver, also kabelloser, Ladestation, gibt es schon: Aktuell arbeitet Kruse gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt an einem Modell mit Brennstoffzelle.

IT wird in Indien entwickelt

Die eigentliche Besonderheit findet sich aber im hinteren Teil des Fahrrads: Dort ist eine europalettengroße Ladevorrichtung installiert, auf der sich mit wenigen Handgriffen etwa zwei Meter hohe Kleincontainer andocken und mit einem speziellen Hebelsystem rein- und rausschieben lassen. Diese Idee ist als Patent angemeldet. Die Box, die beim Logistikdienstleister konfektioniert werden kann, ist neben dem „Movr“ die zweite Säule von Rytle.

Die dritte ist der sogenannte Hub: Damit sind Stationen gemeint, in denen Platz ist für bis zu neun Boxen. Sie werden im Stadtgebiet verteilt und dienen als Anlaufstelle für die Kuriere, die die Boxen mit den Paketen an die Zielorte verteilen. „Sie stellen die Verbindung zwischen dem LKW und dem Fahrrad her“, erklärt Kruse. „So müssen die Lkw nur noch wenige Stationen anfahren, um sie mit den Boxen zu versorgen. Alles andere machen die Kuriere dann umweltschonend mit dem Fahrrad.“

Das Herzstück ist laut Kruse die IT. Die wird gemeinsam mit Kollegen im ­indischen Bangalore in Form einer Machine-to-machine-Kommunikation entwickelt. Das heißt: Sowohl die Hubs als auch die Boxen und Movr sind mit Telematik ausgestattet, die in Kombination mit Smartphones ­jederzeit Standort, Inhalt und weitere Daten übermitteln. Die Kuriere nutzen eine App, die ihnen den Zugang zur Box und zu den Rädern erlaubt, die die Routen vorgibt und auch die Transportprozesse nachvollziehen lässt.

„Im nächsten Jahr werden wir 1000 Stück produzieren“

„Die Technik ist auch darauf ausgelegt, dass Kuriere mit einer Datenbrille arbeiten können: Sie schauen in die Box und kriegen anhand von QR-Codes angezeigt, welches Paket sie als nächstes entnehmen müssen.“ Kruse lächelt dabei, wenn er das erzählt. „Wir verbinden also das bewährte Lastenrad und die klassische ­Zustellung von Waren mit künstlicher ­Intelligenz und dem Internet der Dinge. ­Diese smarte Verknüpfung von Bestehendem, das ist mein Verständnis von Innovation.“

Um neben dem technischen Know-how auch im Fahrradbau schnell Kompetenzen zu erwerben, hat Kruse mit der Firma Speedliner kurzerhand eine ganze Fahrradfirma gekauft und auf diese Weise 30 Mitarbeiter übernommen. Bereits im Juni wurde in Berlin der erste „Movr“ der Öffentlichkeit präsentiert. Dann folgten Veranstaltungen in Paris und Genf. Mittlerweile sind vier Fahrräder in Hamburg für UPS im Einsatz, das Produkt werde kontinuierlich verbessert. „Wir sind jetzt nicht einmal ein Jahr nach der ersten Idee bei der Serienreife angelangt“, sagt Kruse stolz. „Im nächsten Jahr werden wir 1000 Stück produzieren.“ Anfragen gebe es bereits genug.

Fahrrad soll nicht mehr die Notlösung sein

Kruse will aber mehr. Er arbeitet mit seinem Team gerade an einem größeren Fahrradanhänger, der wie der Movr rund zwei Kubikmeter Ware transportieren soll. Und der Tüftler denkt den Einsatz bereits weiter. „Ich bin überzeugt davon, dass schon bald Supermärkte gebaut werden, die vorne einen klassischen Kundenbereich für das Einkaufserlebnis bieten. Und hinten haben die ein Lager, in dem zum Beispiel Rytle-Boxen stehen. Dort werden all die Tüten gepackt, die zuvor von Kunden online per Lieferdienste bestellt wurden. Und anschließend wird die Ware mit unserem „Movr“ binnen weniger Stunden frisch an die Haustür gebracht.“

Dafür müssten auch nicht mehr nur Kuriere fahren. Jeder könnte das machen, Crowdworking sei das Stichwort, nach dem Prinzip des Taxi-Dienstes Uber. „Man meldet sich in der App an, schaut, wo in der Umgebung gerade eine Box abgeholt werden kann, schwingt sich aufs Rad und erledigt die Aufträge, die einem aufs Smartphone gespielt werden.“

Rytle strebt ein radikales Umdenken an. Denn anders als bislang soll das Fahrrad nicht mehr die Notlösung im Logistikprozess sein, sondern ein elementares Glied in der Logistikkette der Großen bilden. „Direct to consumer, das ist die Zukunft“, betont Kruse. Das heißt: Statt auf Zwischen­händler zu setzen, können Hersteller ihre Ware direkt zum Kunden liefern – mit Personal, das nicht einmal einen Führerschein benötigt. Eine Idee, für die Kruse bei seinen Reisen rund um die Welt nach eigenen Aussagen gerade viel Zuspruch erhält. Und bei der es scheint, als wäre der logistische Wandel ­tatsächlich nur noch eine letzte Meile entfernt.

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Veröffentlicht: 03. Dezember 2017 von weser-kurier.de