BSAG soll auch Pakete bringen

Bremer Experten arbeiten an einem Plan, wie sich der Lieferverkehr in die City verringern lässt: Elektrobusse könnten als „moderne Postkutschen“ neben Fahrgästen auch Waren befördern.

Die Bremer Straßenbahn AG als Postkutsche des 21. Jahrhunderts – noch ist es nur eine Idee, doch sie könnte Wirklichkeit werden. Und so würde es funktionieren: Der Busfahrer bringt morgens die Pakete, vom Güterverkehrszentrum (GVZ) an einen zentralen Punkt in die Innenstadt, zum Beispiel am Hauptbahnhof. In der Wartezeit bis zur nächsten Fahrt wird dann vom Elektrobus umgeladen auf Lasten-Pedelecs – sowohl für Pakete als auch für Europaletten. So findet die Ware auf den letzten hundert Metern ihren Empfänger.

Das Konzept dazu soll Ende des Monats stehen. Hinter der Idee steckt eine lockere Projektgruppe, die Hans-August Kruse mit initiiert hat. Er ist Vorsitzender des Vereins „Bremen kommt“ und äußerst gut vernetzt. Vielen Bremern wird er noch bekannt sein aus den vielen Jahren, in denen er als Kulturmanager die Veranstaltung „Musik und Licht am Holler See“ organisierte. Nun will er zusammen mit anderen Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft Impulse setzen für einen umweltfreundlicheren Transport der Waren in die Innenstadt.

„Vor gut einem halben Jahr haben wir uns zum ersten Mal getroffen, und seitdem immer so alle vier Wochen“, sagt Kruse. Mit am Tisch sitzen Vertreter der Jacobs University sowie des Fraunhofer-Instituts für Fertigungstechnik und Angewandte Materialforschung (IFAM). Aus der Wirtschaft sind die Unternehmen Hellmann Logistics, DPD und die Bremische Hafenvertretung mit dabei sowie außerdem Karstadt, die Bremer Straßenbahn AG und die SWB. Inzwischen nimmt auch ein Vertreter des Verkehrssenators an den Treffen teil. Kruse: „Von Treffen zu Treffen überlegen wir, für wen dieses Projekt noch interessant sein könnte, den wir mit ins Boot holen sollten.“

Bisher wollte die Runde erstmal eher im stilleren Kämmerlein an ihrer Vision arbeiten. „Nun ist der Zeitpunkt, wo wir das erste Mal an die Öffentlichkeit gehen können und dabei den Verkehrssenator und den Wirtschaftssenator mit ins Boot geholt haben“, sagt Kruse.

200 Paletten monatlich plus Pakete

Am Anfang stand die Frage, wie Unternehmen den Lieferverkehr in die Innenstadt verringern könnten. Auf Seite der Logistikfirmen waren recht früh Hellmann und DPD mit dabei. Und Karstadt soll als Kunde profitieren. Die Idee: Der Bus, der morgens die Fahrgäste vom Hauptbahnhof zum Güterverkehrszentrum bringt, transportiert auf der Rückfahrt in einem Anhänger Ware und Pakete in die City. An einem bestimmten Punkt, beispielsweise in der Nähe des Hauptbahnhofs, würde der Anhänger abgehängt.

„Das kann innerhalb von 30 Minuten erfolgen“, sagt Dustin Schröder von Hellmann Logistics. Dort kämen dann die Paketboten mit ihren Pedelecs ins Spiel. „Es gibt auch spezielle Pedelecs, mit denen sich Europaletten transportieren lassen“, sagt er. „Das mit dem Anhänger ist nur eine Möglichkeit. Es geht ja bei diesem Projekt darum, verschiedene Szenarien durchzuspielen.“ Und wenn der Bus die Waren auf diese Weise in die Innenstadt brächte, müsste täglich ein Lkw weniger von Hellmann sowie ein Transportauto weniger von DPD in die City fahren, so Schröder. „Wir reden hier im Durchschnitt von 200 Paletten im Monat plus die Pakete, die DPD ausliefert.“ Ebenso könnte das Konzept für weitere Logistiker im GVZ interessant sein.

Womöglich könnten Ware und Pakete sogar noch schneller in die Innenstadt gelangen als heute. Denn die Logistiker und Wissenschaftler sehen einen weiteren Vorteil im Bustransport: „Die BSAG-Fahrzeuge haben an diversen Straßen ihre eigenen Spuren. Für LKW-Fahrer ist diese Spur verboten.“ Außerdem haben Busse und Straßenbahnen in Bremen an vielen Kreuzungen eine Vorrangschaltung, sodass die Ampel schneller auf Grün umspringt.

Transport per Schiff

Lieferungen im Anhänger sind eine Idee. Eine weitere Alternative könnte der Transport vom Güterverkehrszentrum in die Innenstadt per Schiff sein – auch das angetrieben mit einem Elektromotor. Hier wäre zu klären, wie Ware vom Schiff zu den Pedelecs gelangt. Julia Bendul von der Jacobs University sagt: „Dabei sollten wir überlegen, ob die Schiffsvariante auch für Vegesack interessant sein könnte.“ Bendul weiter: „Zu 98 Prozent steht unser Konzept. Wenn alles fertig ist, könnte man es einem Förderantrag beifügen.“ Daran arbeitet auch Gerald Rausch vom IFAM mit. Als Projektphase halten sie drei Jahre für realistisch.

Dabei geht es vor allem um eine Hürde, die das Projekt noch nehmen muss: die Finanzierung. Denn Yusuf Demirkaya von der BSAG sagt ganz klar: „Wenn wir dafür das Geld erhalten, kaufen wir auch die dafür infrage kommenden Elektrobusse und kümmern uns um alles Nötige. Aber wir selbst sind ein defizitäres Unternehmen und haben kein Geld dafür.“ Ladestationen sind nicht das Problem – sie existieren bereits auf dem BSAG-Gelände am Flughafendamm. Weitere Ladestationen könnte die SWB installieren, die ebenso bei der Runde mit am Tisch sitzt.

Wie der Plan ansonsten von Bund und Land finanziert werden könnte, ist ebenso unklar. Denn derzeit gibt es laut der Expertenrunde weder beim Bundeswirtschaftsministerium noch beim Bundesverkehrsministerium Förderprogramme, die für das Projekt infrage kommen. Demirkaya gibt dabei zu bedenken: „Oft ist es bei diesen Programmen so, dass diese 50 Prozent finanzieren, die anderen 50 Prozent müssen aus der Privatwirtschaft kommen.“ Hellmann wolle sich finanziell daran beteiligen. Für weitere Investoren müsste Hans-August Kruse innerhalb seines Netzwerks krätig „Klinkenputzen“ gehen, damit die „Postkutsche 4.0“ irgendwann Realität wird – ohne wie damals die Pferde wechseln zu müssen.

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Veröffentlicht: 06. Oktober 2017 von Florian Schwiegershausen