Die (R)Evolution der City-Logistik

Genial einfach, einfach genial: Um die Paketlogistik in Innen städten und Ballungsräumen schneller, effizienter und ökologischer zu gestalten, hat das Bremer Start-up Rytle ein radikal neues Konzept für die „letzte Meile“ entwickelt. Im Mittelpunkt steht der MovR – ein elektrisch betriebenes Lastenfahrrad auf drei Rädern.

Manchmal scheint die Zeit einfach reif für bahnbrechende Entwicklungen. Plötzlich treffen die neuesten technologischen Möglichkeiten auf Menschen mit innovativen Ideen, und die finden wiederum Unterstützer, die sich dafür begeistern lassen. Wenn der Mix stimmt, geht‘s einen großen Schritt nach vorn. So wie jetzt beim Bremer Start-up Rytle: Setzt sich sein Konzept von der „Last-Mile-Logistik“ in Städten und Ballungsräumen durch, könnte dies die Paketzustellung schon bald revolutionieren.

Im Mai 2016 lief der Ingenieur, Wirtschaftswissenschaftler und Geschäftsführer der Unternehmensberatung Orbitak, Dr. Arne Kruse, zufällig Ingo Lübs über den Weg. Der Marketingleiter des emsländischen Nutzfahrzeugherstellers Krone nahm im Schwachhauser „Haus der Innovationen“ mit Unternehmensinhaber Bernard Krone an einer Veranstaltung teil; Kruse schob kurz vor Beginn ein dreirädriges Lastenfahrrad hinaus, um im Veranstaltungsraum Platz zu schaffen. Heute sind Kruse und Lübs Geschäftsführer von Rytle – und treiben weltweit die Idee voran, mit einem ausgeklügelten Distributionssystem rund um ein neu konzipiertes Lastenfahrrad die Lieferungen zum Endkunden zu bringen. Mit starken Aussichten: Rytle-Fahrräder sind bereits in mehreren europäischen Großstädten unterwegs. Der Wirtschaftsingenieur Kruse ist seit Jahren in der Forschung und Entwicklung für den Automotive-Bereich tätig. Nebenher beschäftigt er sich schon fast zehn Jahre mit Lastenfahrrädern für die Logistik. Mit dem Kauf von Speedliner, einem Hersteller von Transport- und Lastenfahrrädern, bekam das Know-how seiner Unternehmensberatung Orbitak auf diesem Gebiet einen Schub. Die technologische Entwicklung tat ihr übriges. Der Elektroantrieb von Fahrrädern ist mittlerweile erwachsen geworden, dazu gab es markante Fortschritte in der Vernetzung und bei der Sensorik. Durch das Zufallstreffen mit den Krone-Experten kam profundes Wissen um logistische Abläufe hinzu: „Die Idee mit der Zustellung durch die Lastenfahrräder passte thematisch ideal zu uns“, sagt Ingo Lübs. „Wir sind Weltmarktführer im Bereich der Wechselbrücken und fertigen Trailer sowie Lieferfahrzeuge für die Kurier- und Expressdienste. Wir haben nach Lösungen gesucht, wie wir den zunehmenden Herausforderungen in den hochbelasteten städtischen Bereichen begegnen können.“

Innenstädte vor dem Kollaps

Denn die Innenstädte und Ballungsräume stehen täglich am Rande des Kollapses. Wachsender Verkehr – nicht zuletzt durch Lieferdienste, die jährlich Milliarden im Internet bestellter Waren zum Empfänger bringen – verstopft die Straßen. Lärm und Abgase nerven die Menschen, Dieselfahrzeuge sind vom Fahrverbot bedroht. „Waren in dicht besiedelten Gebieten umweltfreundlich und effizient zum Endkunden zu bekommen, wird immer schwieriger“, sagt Kruse. „Ich bin sicher: Unsere Idee ist die Lösung.“ Das „Prinzip Rytle“ ist einfach. Statt Sendungen und Pakete in die sogenannten KEP-Fahrzeuge (für Kurier-Express-Paketdienst) zu stapeln und diese ihre Touren fahren zu lassen, werden in einem Distributionszentrum am Stadtrand schrankähnliche Aufsätze für die Lastenfahrräder – die Box – für einzelne Straßenzüge mit Päckchen, Paketen und anderem Stückgut bepackt. Bis zu neun dieser vorsortierten Boxen werden in einem Hub – einer Art mobilem Depot – in die Zentren gebracht. Dort holen die jeweiligen MovR, wie die Lastenfahrräder von Rytle heißen, die Boxen ab und starten ihre Tour. „Wir kommen fast überall hin, denn die elektrisch angetriebenen MovR dürfen auch in Fußgängerzonen fahren. Man braucht keinen Führerschein dazu, sie sind leise und schadstoffarm, sehr wendig und zudem ergonomisch und funktional ideal an die Fahrer angepasst“, erläutert Kruse. „Der Akku des MovR hält bis zu 60 km und lässt sich leicht wechseln, der Elektromotor hilft beim Anfahren und am Berg. Die Box, die die Grundfläche einer Europalette hat, fasst zwei Kubikmeter und kann bis zu 180 kg tragen.“

Ausgeklügelte IT: Apps & Sensoren

Hub – Box – MovR lautet die Reihenfolge beim Weg ins städtische Gewühl. Wichtigster Bestandteil aber ist die ausgeklügelte Informationstechnologie, die hinter dem Rytle-System steckt. Die hat das junge Unternehmen von Experten in Köln und im indischen Bangalore entwickeln und programmieren lassen. „Hub, Box und MovR sind mit vielfältigen Sensoren ausgerüstet. Das gesamte System lässt sich über eine App steuern. Die Fahrer und die Zentrale sehen jederzeit, wo sich Hub und Box befinden und was in ihnen ist. Außerdem können sich die Kuriere mit der App den Zugang zur Box und zum MovR freischalten, die vorgegebenen Routen laden und sich das nächste auszuliefernde Paket beim Öffnen der Box anzeigen lassen. Dazu kommt die Möglichkeit, die Route an aktuelle Anforderungen von neuen Abhol- und Lieferaufträgen dynamisch in Echtzeit anzupassen“, so Arne Kruse. Hard- und Software sind gut aufeinander abgestimmt – das ist der Dreh- und Angelpunkt im Rytle-System. „Nur so lassen sich die logistischen Prozesse von der Bestellung bis zur Auslieferung deutlich verschlanken. Denn wir wollen die City-Logistik nicht nur schneller, besser und grüner machen, sondern auch günstiger“, sagt Ingo Lübs. Neben der Logistik tun sich weitere Einsatzmöglichkeiten auf: „Warum soll nicht ein Teil der Müllentsorgung oder der Stadtreinigung mit unseren Lastenfahrrädern erfolgen? Ob es nun Pakete in der Box sind oder – natürlich für diesen Einsatz angepasst – Schaufel, Besen und Müll, ist zweitrangig“, so Kruse. „Auch für Handwerker kann das System sehr interessant sein.“ Praktisch nebenher könnte der MovR auch noch zusätzliche Aufgaben übernehmen. „Mit unserer Sensorik könnte zum Beispiel über eine Messung der Erschütterungen bei der Fahrt für eine Kommune ein Straßenzustandsbericht aufgezeichnet werden. Oder man führt einen Sensor mit, der die Luftqualität an verschiedensten Stellen der Stadt misst.“ Und, und, und ….

Projekt in Bremerhaven: Crowd-Working

Vorrangige Zielgruppe sind für Rytle zunächst die Paketdienstleister. Mit UPS hat sich schon früh einer von ihnen für das Bremer System begeistert und es in Großstädten getestet. Für diese und weitere Firmen sind mittlerweile rund 100 MovR in Hamburg, München, Paris, Kiel, Stuttgart, Bremen, Herne und Berlin unterwegs. Aber das Start-up arbeitet auch an einem ganz neuen Zustellkonzept mit freien Kurieren – so wie es der Online-Konzern Uber mit Taxifahrten vorgemacht hat. In Bremerhaven erprobt Rytle in einem Projekt mit der dortigen Hochschule und der Weser-Eilboten GmbH seine neuen Logistikkonzepte in eine weitere Richtung: Freelance-Kuriere sollen Transporttouren übernehmen können. Kruse gibt ein Beispiel, wie es laufen könnte: „Wenn sich ein Student etwas Geld verdienen will, kann er sich – nachdem er einen einfachen Lastenfahrrad-Test abgelegt hat und auch sonst die erforderlichen Anforderungen erfüllt – für Touren melden. Mit der App schaltet er den MovR frei und fährt die vorgegebene Route ab. Am Ende gibt es dafür ein Honorar. Wir nennen das Crowd-Working.“ Ein Forschungsprojekt untersucht diese und andere Fragen, die BIS Wirtschaftsförderung Bremerhaven unterstützt es. Die beiden Rytle-Geschäftsführer sind fest davon überzeugt, dass sich ihre Idee durchsetzt. „Amazon liefert schon heute in Metropolen am gleichen Tag aus. Andere werden sehr bald folgen. Unser Logistik-System ist dafür geradezu ideal: Der Händler bestückt nachmittags die Box mit den bis dahin eingegangenen Bestellungen, danach wird mit dem wendigen MovR ausgeliefert. Und wir sind nicht mehr weit davon entfernt, dass die Menschen in Ballungsräumen ihre Lebensmittel tagsüber online bestellen und sie dann nach Feierabend per Lastenfahrrad geliefert bekommen.“ Mit ihrer Idee sind die Rytle-Macher mittlerweile nicht nur in Deutschland und Europa, sondern weltweit unterwegs. Gerade haben sich Interessenten im Stadtstaat Singapur gemeldet und waren begeister. Und auch technologisch geht‘s voran: Auf der nächsten Internationalen Nutzfahrzeug-Ausstellung IAA im September 2018 in Hannover wollen die Bremer erstmals ein Lastenfahrrad mit verkapselter Brennstoffzelle statt Elektromotor vorstellen.

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Veröffentlicht: September 2018 von Kai Uwe Bohn, wirtschaft in Bremen und Bremerhaven 9.2018 Seite 47