Die Revolution rollt auf drei Rädern

Testfahrt am Schwachhauser Ring: Rytle-Geschäftsführer Arne Kruse demonstriert die Alltagstauglichkeit des patentierten Lastenfahrrades. Foto: Schlie

Eine Erfindung aus Bremen schickt sich an, die Welt der Logistik zu revolutionieren. Und diese Erfindung könnte die Paketzustellung in Städten drastisch verändern.

Finden etwa Paketdienste nachhaltig gefallen am Movr der Firma Rytle, könnte das einen großen Beitrag leisten, damit weniger kleine und große Lkw die Straßen in den Städten verstopfen. Die Idee: Lastenfahrräder mit Elektromotor übernehmen die Verteilung von Paketen auf der letzten Meile zum Empfänger.

Der Movr ist das Ergebnis einer Kooperation der beiden Bremer Firmen Speedliner (Hersteller von Lastenfahrrädern) und Orbitak (Unternehmensberatung) mit dem Nutzfahrzeughersteller Krone, der die Finanzierung des Projekts übernommen hat. Herausgekommen ist ein dreirädriges Lastenfahrrad aus Aluminium mit Elektromotor, Rückwärtsgang und überdachtem Cockpit.

Was das patentierte Rad besonders macht, ist die Wechselbox mit den Ausmaßen einer Europalette, die mit wenigen Handgriffen in die Ladebucht des Movrs eingeklinkt werden kann. Der Behälter besitzt ein Fassungsvermögen von zwei Kubikmetern. Bis zu 180 Kilo Zuladung kann das Fahrrad aufnehmen.

Ein intelligent konstruiertes Lastenfahrrad

Der Movr ist aber mehr als ein intelligent konstruiertes Lastenfahrrad. Es ist in ein komplettes logistisches System eingebunden. Schließlich wäre es wenig sinnvoll, wenn jeder Kurier seine Box selber beladen und seine Route planen müsste.

Deshalb werden die vorkonfektionierten Behälter per Lkw vom Logiskzentrum zu sogenannten Hubs gebracht und zwischengelagert. Die Kuriere tauschen dort leere Container gegen volle und bekommen die notwendigen Informationen direkt aufs Smartphone. Dann geht es mit maximal Tempo 25 zum Empfänger.

Nicht nur ökologisch bringt der Movr Vorteile gegenüber konventionellen Auslieferungsfahrzeugen. Man brauche keinen Führerschein und die Wartungskosten seien um ein Vielfaches niedriger als bei einem Auto, zählt Rytle-Geschäftsführer Arne Kruse auf. Mal ganz davon abgesehen, dass man sich auf dem Radweg am Stau vorbei schlängeln kann.

„Das beste Fahrrad, das sie je gesehen haben“

80 Prozent der vier Milliarden Pakete jährlich in Deutschland könnten seiner Ansicht nach mit dem Movr zum Endverbraucher transportiert werden.

Im Januar 2017 haben Kruse und sein Co-Geschäftsführer Ingo Lübs mit ihrem Team mit der Entwicklung begonnen, im Juni 2017 folgte dann die Gründung von Rytle. Ungefähr 70 Movr sind bereits auf den Straßen unterwegs.

Beispielsweise in Hamburg, wo UPS das System in der Praxis erprobt, aber auch außerhalb Deutschlands. Es gebe ein weltweites Interesse, sagt Kruse. „Die Leute von UPS haben gesagt, es sei das beste Fahrrad, das sie je gesehen haben“, erzählt er.

Die meisten Teile kommen aus Asien

Statt der Wechselbox könnte das Gefährt auch so umgerüstet werden, dass es wie ein umgekehrter Gabelstapler eine Europalette samt Ladung aufnimmt. Das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten. „Wie viele Lkw quälen sich durch kleine Straßen, um irgendwo eine Palette abzuliefern?“, fragt Kruse.

Die meisten Teile für den Movr kommen aus Asien. Montiert werden sie dann bei Speedliner in Zerbst (Sachsen-Anhalt). Den genauen Preis verrät Kruse nicht. Nur so viel: „Er liegt im unteren fünfstelligen Bereich“.

Auch wenn immer noch an Details getüftelt wird, hat das Lastenfahrrad bereits Serienreife erlangt. Entsprechend ehrgeizig sind die Verkaufsziele: „Bis Jahresende wollen wir 1.000 Stück verkaufen“, sagt Kruse.

Die Hardware sei aber nicht alles. In Hintergrund entwickelt das Unternehmen eine Software-Plattform zur Verbindung bestehender Systeme. Bereits heute ist es möglich, den Standort jedes einzelnen Movr abzurufen. In Zukunft könnten die Räder nebenbei Informationen über Straßenzustand und Luftqualität liefern.

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Veröffentlicht: 31. Mai 2018 von Robert Luerssen, Weserreport