Lösen Lastenräder die Lieferwagen in der Bielefelder City ab?

Am Containerbahnhof könnte ein Waren-Umschlagplatz für Innenstadt-Geschäfte entstehen.

Bielefeld. Jeden Morgen das gleiche Bild: Reihenweise stehen Kleintransporter mit Waren und Paketen für Geschäfte mitten in der Fußgängerzone. Manchmal ist fast kein Durchkommen mehr. Dabei könnten „50 Prozent der Lieferungen im Innenstadtbereich mit Lastenfahrrädern zu den Kunden gebracht werden“, schätzt Bernd Küffner vom Verkehrsclub Deutschland. Leise und vor allem abgasfrei wäre das. Sind Drahtesel mit zwei oder drei Rädern die Zukunft für den Lieferverkehr in der City?

Mehrere tausend Pakete werden täglich von unterschiedlichen Transport- und Kurierdiensten in die City gebracht. Die Paprika-Koalition hat daher ein zentrales Verteilzentrum am früheren Containerbahnhof vorgeschlagen. Dort könnten Waren von Lkw auf E-Mobile und Cargobikes umgeschlagen werden.

Zentrales Verteilzentrum am Containerbahnhof

Das Beraterbüro Logistic Network Consultants (LNC) hat das im Auftrag der Stadt untersucht. Getrieben vom Online-Handel gehe der Trend zu immer größeren Stückzahlen und immer schnelleren Lieferungen, sagen die Berater. Ein zentrales Verteilzentrum sei eine Chance für die City-Logistik – und für den Einsatz von Lastenrädern.

Ältester Anbieter in Bielefeld ist hier der Radkurierdienst Flottweg. Seit 1990 bringt er Post und Waren per Fahrrad zu den Empfängern. Auch zwei Lastenräder gehören neben Kleintransportern mit Erdgasantrieb zur Flotte. Mit Fahrrädern sind die Flottweg-Kuriere in der erweiterten Innenstadt unterwegs. „Lastenräder sind eine Lösung, aber nicht zu 100 Prozent“, sagt Geschäftsführer Volker Radzik.

Radschnellweg müsste gebaut werden

Und nur mit dem Bau eines Warenlagers an der Eckendorfer Straße sei es nicht getan. Ein Verteilsystem, das auf Lastenräder setze, brauche Infrastruktur. „Dann müssen Radwege ausgebaut werden, und nicht zu knapp“, sagt Radzik. Gut wäre ein Fahrschnellweg vom Containerbahnhof in die City. Und mehr Abstellraum. „In Kopenhagen“, sagt Radzig, „läuft die Mobilitätswende so erfolgreich, dass es kaum noch Platz für Lastenräder gibt.“

Der Branchenverband „Paket-Express-Logistik“ fordert Privilegien für den städtischen Wirtschaftsverkehr. Dazu gehört „Rechtssicherheit für Mikro-Depots“. Gemeint sind kleine Standorte für Container. Dort laden Kleintransporter Waren ab. Lastenrad-Kuriere nehmen sie dann für die „Zustellung auf der letzten Meile“ auf.

Paketdepots in Straßenbahnwaggons

„Auch Straßenbahnwaggons, die vorübergehend auf Abstellgleisen geparkt werden, könnten als Paket-Depots genutzt werden“, meint Professor Jens Haubrock vom Institut für technische Energiesysteme der FH Bielefeld. Er betont: „Die Wirtschaftlichkeit eines Lastenradsystems hängt von Mikro-Hubs ab.“ Eben jene Mini-Depots.

Denn durch sie verkürzen sich die Wege, die unbeladene Transporträder zurücklegen müssen, um wieder neue Waren und Pakete aufzunehmen.

Die großen Paketdienstleister sind schon am Ball. DHL, DPD, Hermes, GLS und UPS haben 2018 in Berlin das Projekt KoMoDo gestartet. Container aller beteiligten Unternehmen stehen an einem Umschlagplatz. Jedes Unternehmen liefert seine Pakete mit eigenen Lastwagen an und sorgt von dort mit eigenen Lastenrädern für die Feinverteilung in den umliegenden Wohngebieten.

„Würden Paketdienste zusammenarbeiten und Sendungen untereinander austauschen, könnten mit solchen Modellen zudem Wege und Kosten gespart werden“, meint Volker Radzik von Flottweg.

Rikschas mit Ladeflächen

In Nürnberg haben die Stadt, die IHK Mittelfranken und die Fachhochschule Nürnberg ein Modellprojekt zum Mikro-Depot-Konzept durchgeführt. Ein Ergebnis: 30 Prozent der innerstädtischen Paket-Fahrten können emissionsfrei von Lastenrädern übernommen werden. Ein Folgeprojekt läuft bis Ende 2019.

Zum Einsatz kommen neben zweirädrigen Lastenrädern auch Konstruktionen mit drei Rädern und Ladeflächen, auf die eine Europalette passt. Oder rikscha-artige Fahrzeuge mit zwei Kubikmeter großen Aufbauten und Elektromotor. Die baut die Firma Rytle, die dazu passende Paketdepots gleich mitanbietet. Der Lkw-Anhänger-Bauer Krone und ein Bremer Startup haben das junge Unternehmen gegründet.

Nicht zu Dumpingpreisen

„Die Wirtschaftlichkeit der Lastenrad-Logistik ist derzeit noch schwer einzuschätzen“, sagt Marco Rieso von der Industrie- und Handelskammer. Wie teuer sind die Räder, was kosten Containerstandorte, wie viele E-Trikes braucht man, um einen Kleintransporter zu ersetzen?

„Wir würden gerne mitmachen, doch nicht zu Dumpingpreisen“, sagt Volker Radzik von flottweg. Was er meint, ist ein weiterer Kostenpunkt: die Arbeitsbedingungen der Fahrer. In seinem Unternehmen gibt es nur Festangestellte.

Tarifgerechter Lohn für Fahrer gefordert

„Verbreitet ist, dass Kurierdienste Freelancer beschäftigen, die oft nur zwei, drei Stunden am Tag fahren“, sagt Uwe Speckenwirth. Er leitet bei Verdi in NRW den Fachbereich Post und Logistik. Freelancer müssten häufig Vermittlungsgebühren bezahlen, zudem Sozialversicherung, Unfallschutz und Ausfallrisiko übernehmen. Speckenwirth fordert: „Wo gutes Geld verdient wird, sollen die Beschäftigten tarifgerecht entlohnt werden.“

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Veröffentlicht: Sebastian Kaiser, Neue Westfälische am 26.04.2019