Pakete im Parkhaus lagern

Von dort werden sie mit dem Lastenrad ausgeliefert
ols. STUTTGART, 25. Juni.

Rund um das Zeppelin-Carré in Stuttgart in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs kommen die Autos oftmals nur langsam voran. Auf der Straße sind auch immer wieder Fahrzeuge von Kurierdiensten zu sehen. Das vor Ort befindliche Parkhaus des Betreibers Apcoa weist vor allem am Morgen noch viele leere Stellplätze auf. Solche ungenutzten Stellflächen in Innenstadt-Parkhäusern sollen künftig als Verladestationen für Logistikunternehmen genutzt werden können, wie der Vorstandsvorsitzende der Apcoa-Gruppe, Philippe Op de Beeck, mitteilte. In Stuttgart wurde dazu ein Pilotprojekt namens „Park-up“ gestartet. Forscher des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) wollen zusammen mit Europas größtem Parkhausbetreiber Apcoa, dem Logistiker Velocarrier und dem Parkdienstleistungsanbieter Evopark herausfinden, unter welchen Bedingungen ein solches System funktionieren und die Innenstädte vom Verkehr entlasten kann.

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Bei dem Modellprojekt dreht es sich vor allem um die Logistik der letzten Meile, bei der es darum geht, die Pakete an die Haustür des Kunden zu bringen. „Es geht darum, dass künftig nicht für jedes Päckchen ein Auto im Viereck herumfahren muss“, sagte Martin Armbruster, der Beauftragte für den Wirtschaftsverkehr in Stuttgart. Der Verteilerverkehr müsse gebündelt werden, sagte er mit Verweis auf den Umstand, dass allein im vergangenen Jahr in Deutschland rund 3,5 Milliarden Pakete ausgeliefert worden sind. Die Zahlen werden Prognosen zufolge wegen des Online-Handels weiter zunehmen. Vor allem am frühen Morgen, wenn viele Parkhäuser leer sind, sollen die Stellplätze als eine Art Kurzzeit-Zwischenlager dienen, wo Waren von größeren Fahrzeugen auf kleine Lastenräder umgeladen werden. So sollen große Lieferfahrzeuge aus der Innenstadt herausgehalten werden, was den Projektpartnern
zufolge bislang oft daran scheitert, dass es dort keine Umlademöglichkeiten gibt.

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Entweder gebe es keine Flächen, oder sie seien viel zu teuer. Logistikflächen stünden in Konkurrenz mit Büroflächen. „Es ist für einen Logistiker wirtschaftlich nicht darstellbar, Flächen in der Innenstadt zu mieten“, sagte IAO-Projektleiter Bernd Bienzeisler. Bei „Park-up“ zahlt das Unternehmen nur die Zeit für die Nutzung des Parkplatzes. Danach können dort wieder ganz normal Autos abgestellt werden. Die Preise für die Logistikfläche im Parkhaus sind variabel. Neben der Auslastung werden auch weitere Faktoren wie die allgemeine Verkehrslage berücksichtigt. Das ist aber in Sachen Preisfindung wohl erst der Anfang. Das IAO arbeite gerade an Algorithmen für Preismodelle, die in der Lage seien, Umweltdaten, Wetterdaten und Verkehrsdaten bei der Preisfindung zu berücksichtigen, sagte Bienzeisler weiter. Zugleich verwies er in diesem Zusammenhang auf die Verkehrssteuerung. Vom Parkhaus aus sollen die Lastenräder dann in einem Umkreis von etwa 800 Metern operieren. Das Projekt läuft zunächst an drei Standorten in
Stuttgart. Apcoa-Vorstandsvorsitzender Op de Beeck geht aber davon aus, dass es auch in anderen Städten funktioniert. Das Unternehmen, dessen Hauptinvestor Centerbridge ist, erzielte im vergangenen Jahr Erlöse von rund 670 Millionen Euro und zusätzlich etwa 400 Millionen Euro Außenumsatz. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen lag bei 75 Millionen Euro.

Veröffentlicht: 26.06.2019 von FAZ